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  • Alexander Diethelm & Alisa Diethelm

Qualzuchten: Wenn Hunde für die Schönheit leiden müssen

Durch spezielle Züchtungen mit Gendefekten können Hunde besonders extravagante Fellfärbungen bekommen – auf Kosten ihrer Gesundheit. So werden Welpen zum Teil blind oder taub geboren. Trotzdem gibt es Merle-farbene Hunde inzwischen in immer mehr Rassen.



Für die so gezüchteten Hunde bedeutet dies oft ein qualvolles Leben. Die besonders großen unter ihnen landen manchmal bei Jeanette Brown. Sie ist die Chefin des Vereins "NotDogge"in Baden-Württemberg und betreut derzeit mehrere fast komplett weiße Doggen. Solche Hunde sind besonders gefragt beim Kunden und bringen ihren Vermehrern 2000 Euro und mehr. Doch um diese Farbaufhellung zu erreichen, schrecken Vermehrer nicht davor zurück, Hunde, die Träger des Gendefekts sind, miteinander zu verpaaren. Sie verstoßen damit gegen das Tierschutzgesetz – aus Unwissenheit, Ignoranz oder auch mit Kalkül.


Gendefekt: Blinde und taube Hundewelpen

ie Folgen: ein Teil der Welpen kommt blind oder taub zur Welt. Die Tiere können dann weder mit ihresgleichen noch mit den Menschen normal kommunizieren. Ein kleiner tauber Hund lernt etwa nicht, seine Zähne vorsichtig zu nutzen, weil er das Quietschen seiner Geschwister nicht hört. Besonders schwierig wird es, wenn der Käufer davon nichts weiß. "Der merkt das dann erst, wenn die größer werden und dann auf einmal keine Beißhemmung haben und bisschen fester zupacken", sagt Jeanette Brown. "Dann heißt es immer: der Hund beißt die Kinder!" Die Vorsitzende des Vereins hat selbst ein paar "Kampfspuren".


Auch Sabine Richter ahnte beim Kauf ihres Border-Collies nicht, dass der Hund den Merle-Gendefekt hat und nichts hören kann. "Ich habe immer gesagt, der sieht aus wie ein geplatztes Kissen. Der war einfach niedlich und hatte eisblaue Augen!", beschreibt die junge Leipzigerin, warum sie ihren Bruno ausgesucht hatte. Erst später erfährt Sabine Richter, dass das helle, auffällig gesprenkelte Fell ein Modetrend ist – und dahinter eine Qualzucht steckt.



Das Wettrennen mit immer neuen Modetrends in der Zucht


Als Bruno in die Kleintierpraxis Schönfeld-Mockau kommt, konstatiert Tierarzt Volker Jähnig: "Also ihn hat es ganz schön erwischt." Durch den Merle-Faktor sei weniger Melanin in die Haare eingelagert, so dass große weiße Flächen im Fell entstünden. Das sei aber zugleich auch die Ursache für die Taubheit und die zentralnervöse Störung. Sabine Richter hat es viel Zeit und Nerven gekostet, bis der Hund endlich auf Handzeichen reagiert hat. Zudem gelingt es nur durch Medikamente, Bruno in der Spur zu halten. Wenn diese nicht gewirkt hätten, hätte seine Besitzerin ihn vielleicht sogar einschläfern lassen.


Wenn die Todesursache der besten Freunde des Menschen abgeklärt werden soll, dann landen sie manchmal in der Tierpathologie der Freien Universität Berlin. "Das Kuscheltierdrama" hat Professor Achim Gruber, Leiter des Instituts, sein Buch dazu genannt. Darin beschreibt er, warum so viele Haustiere heute leiden. Es ist ein Wettrennen mit immer neuen Modetrends – und gegen immer neues Tierleid.


Neues Qualzuchtgutachten gefordert



So ist etwa der Merle-Gendefekt inzwischen in sehr viele Hunderassen – vom Dackel bis zur Dogge – eingezüchtet. Deshalb "brauchen wir dringend ein neues Qualzuchtgutachten, was den wissenschaftlichen Stand erneuert und was die heutigen Erkenntnisse einfließen lässt", fordert Achim Gruber. Denn es gibt zwar im Tierschutzgesetz einen Qualzucht-Paragraphen, der die Zucht verbietet, wenn bei den Nachkommen mit Schäden oder Leiden zu rechnen ist. Doch das zugrunde liegende Gutachten ist schon über 20 Jahre alt. "Viele meiner Kollegen aus der Tierärzteschaft und auch ich persönlich plädieren stark dafür, dass man mit Merle-Hunden überhaupt nicht züchtet. Denn diese vermeintliche Schönheit dieser Fellfarben ist untrennbar von diesem Risiko."



Klöckner will Ausstellung von Hunden mit Merkmalen verbotener Qualzucht stoppen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will Ausstellungen von Hunden mit Merkmalen verbotener Qualzuchten untersagen, wie sie etwa bei Mops und Bulldogge vorkommen. "Tierärzte berichten von vielen Tieren mit gesundheitlichen Problemen aufgrund von Qualzuchtmerkmalen", sagte Klöckner der "Rheinischen Post" vom Montag. "Das lässt darauf schließen, dass viele Züchter gegen das Verbot verstoßen." Die Kontrolle solcher Gesetzesverstöße sei schwierig.

Der Ministerin zufolge muss das zuständige Veterinäramt im Einzelfall feststellen, ob bei der Zucht zu erwarten war, dass Welpen Körperteile oder Organe fehlen oder sie kein gesundes Hundeleben zu erwarten hätten. "Wir werden deshalb die Ausstellung solcher Tiere verbieten und damit auch den Anreiz für solche Züchtungen nehmen - es ist doch absurd, dass diese Tiere auch noch prämiert werden, obwohl ihre Zucht gesetzeswidrig ist", sagte die CDU-Politikerin.

Die Tierschutzorganisation PETA begrüßt die Ankündigung der Bundeslandwirtschaftsministerin als ersten Schritt in die richtige Richtung. Die Qual beginne jedoch schon beim Züchter. "Tierschutzwidrige Zuchten müssen endlich für alle Tierarten verboten werden", so Jana Hoger, Fachreferentin für tierische Mitbewohner bei PETA. "Es ist nicht länger hinnehmbar, dass einige Züchter ganz offen gegen geltendes Gesetz verstoßen und kaum Konsequenzen zu befürchten haben. Die Leidtragenden sind die Tiere."


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